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Die Pornobalken-Reformation des deutschen Rap

Okay, ich gebe es zu, auch in meiner Vergangenheit gibt es eine dunkle musikalische Epoche, auf die ich nicht besonders stolz bin. Im zarten Alter von 11 Jahren fing alles ganz harmlos an und sollte dann knappe vier Jahre andauern, die dunkle Zeit des Rap und des Hip Hop. Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass meine Generation damals auf breiter Basis diesem zweifelhaften Genre verfiel und es einem jungen Geist ziemlich schwer machte, Widerstand aufzubauen.

Es begann mit dem Album "Bambule" der Absoluten Beginner und war der Anfang eines Streifzugs durch die gesamte Welt des Raps. Insbesondere die Hamburger hatten es mir angetan und ich sog genüsslich alles auf, was ich von fetten Broten, fünf deluxen Sternen, Fuchsrudeln und Konsorten finden konnte. Ich quetschte das Musikgenre förmlich aus, bis ich mich irgendwann beim Hören von Underground-Tapes ertappte. Ja, auch schon in der Prä-Sido-Epoche gab es unterdurchschnittliche Rapper. Und da wären wir auch schon bei dem Kern des Problems angekommen, der Rap kann nicht neu erfunden werden und ist stark limitiert durch die Spielregeln, die sich die Szene selbst auferlegt hat. Selbst der talentierteste Wortakrobat hat es da schwer, seine fünfte Platte zu rechtfertigen, die sich dann bestenfalls einen mikroskopischen Schritt von ihren Vorgängern wegbewegt hat. Das Resultat sind gelangweilte Hörer, zumindest ging es mir nach knapp vier Jahren so und ich kehrte dem Musikstil den Rücken. Das Kapitel Rap und Hip Hop war damit beendet. Zumindest bis vor zwei Wochen, denn nach acht Jahren habe ich es wieder einmal gewagt: ich habe tatsächlich ein neues Rap-Album zum musikalischen Stelldichein gebeten.

Wem ich dabei meine werte Aufmerksamkeit nebst Ohr schenke? Dem guten alten Dendemann mit seinem brandaktuellen Album "Vom Vintage verweht" natürlich. Urgestein der deutschen Hip Hop-Szene und spätestens seit seinem Solo-Dasein auch als äußerst ausprobierfreudiger Musiker bekannt. Denn neben Jan Delay schwingt sich der Wahl-Hamburger neuerdings auf, den deutschen Rap revolutionieren zu wollen. Ob er es geschafft hat? Nun ja, Herr Ebel hat schlicht und ergreifend einen Bastard geschaffen, der größtenteils irgendwo zwischen qualitativ hochwertigem Rap und rotziger Garagenrockerei liegt. Und ja, das Album walzt lockerflockig alles weg, was auch nur im Entferntesten daran denkt, sich eine Baggypants über die Kniekehlen zu streifen.

Der Mitdreißiger hat auf den knapp 50 Minuten des Albums anscheinend keinerlei Zeit zu verlieren, denn schon mit dem Opener "Nesthocker" rechnet er mit der ausgelutschten Welt eingefahrener Hip Hop-Beats und Arrangements konsequent ab. Dafür tauscht er dann nach eigenen Angaben auch liebend gern den neuen Ghettoblaster gegen die "Freiheit und 'ne alte Stratocaster". Der Abrechnungsfeldzug mit der Szene wird im nachfolgenden Album-Highlight "Stumpf ist Trumpf 3.0" konsequent weitergeführt. Dendemann bedient sich dabei nicht nur dem ein oder anderen Sample eines Duke Nukem, nein, er hat sich auch gleich noch die dicken Lederstiefel dazu ausgeliehen und verteilt gepflegte Arschtritte an die Idotie und die Hohlbräsigkeit.

Natürlich hat der gepresste Silberling auch die gewohnte Standardkost und leider auch ziemlich Ungenießbares zu bieten. Bei einem "O Robota" sehe ich vor meinem geistigen Auge schon jetzt die Horden von Hip Hop-Zombies stumpfsinnig den Arm in die Höhe recken und bei einem "Und wenn ja, Warum?" sehnt man sich dringend nach einem Skalpell, um dieses Desaster aus dem Gesamtwerk hinauszuschneiden.

Doch das Nordlicht stimmt den geneigten Hörer schnell wieder versöhnlich, in dem er beispielsweise mit "Petze" einen verdammt eingängigen Ohrwurm fabriziert, dessen simples Klavierspiel noch Stunden später zum summen verleitet. Ähnlich eingängig kommt "Metapher Than Leather" daher und wird in diesem Festivalsommer sicher auch aus dem ein oder anderen Rockerzelt dröhnen. Den krönenden Abschluss bildet "Papierkrieg", der spätestens im Refrain mit wunderbar stimmigen Tocotronoic-Samples auch das letzte Indieherz erobern sollte.

Neben den musikalischen Ergüssen hat der gute Herr Ebel den Interessierten obendrein ein Video zu "Stumpf ist Trumpf 3.0" spendiert, das nicht minder ironisch als die Lyrics daher kommt und sich auf wunderbare Weise bei etlichen Klischees bekannter 80er Jahre-Serien bedient.

Kleine Ausrutscher hin oder her. Dendemann hat diesmal nicht nur seine Reibeisenstimme in Position gebracht und seine Wortklinge geschärft, nein, er hat auch noch den Ideen-Inzest vergangener Jahre hinter sich gelassen und sich von den musikalischen Kollegen endgültig emanzipiert. Achtung Hip Hop-Szene, ein Gigant mit Garagenrap und Pornobalken macht sich auf, Euch in Euren Grundfesten zu erschüttern und dazu noch den eingefleischten Rocker zu bekehren.

11.5.10 20:01
 


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